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✦ Nächste Veranstaltung: 'Ein Tag für Paare - Slow Sex & Bindung' 15.11.2026  ·  Alle Termine 2026 / 2027 ansehen

SlowSex – von der Paarung zur Bindung

In unseren Veranstaltungen machen wir häufig die Erfahrung, dass es vielen Liebespaaren offenbar schwer fällt, auf längere Sicht eine harmonische Beziehung aufrecht zu erhalten. Nach und nach entstehen Ratlosigkeit, Frustration und oft auch Schweigen. Auf der Suche nach Lösungen beginnen sich die meisten Paare mit mehr oder weniger hilfreichen Empfehlungen und Ratschlägen aus diversen Zeitschriften oder Büchern auseinanderzusetzen:
  • durch Hilfsmittel oder inszenierte Situationen wieder ein Mehr an Leidenschaft erzeugen
  • einen „idealeren“ Partner suchen
  • neue, aufregende Reize anbieten, um dem Liebesleben einen frischen Schwung zu verleihen
    und vieles mehr.

Ziel dieser Empfehlungen ist es, die fehlende Harmonie, wie wir sie meist aus der Anfangszeit einer Partnerschaft erinnern, wiederherzustellen. Nach einiger Zeit stellt sich jedoch meist heraus, dass all diese Rezepte nicht wirklich dazu beitragen, unser Beziehungsleben dauerhaft zu verbessern.

Man kann bei einer näheren Betrachtung durchaus zu der Erkenntnis kommen, dass die Ursache vieler Schwierigkeiten in der Art und Weise unserer gemeinsamen Sexualität begründet liegt.

Schauen wir uns dazu ein wenig näher das Bild der sexuellen Liebespraxis an, wie wir sie aus der schönen bunten Medienwelt oder durch familiäre Vorbilder sowie eigene idealisierte Vorstellungen dargeboten bekommen.

Der herkömmliche Sex ist seinem Wesen nach zielorientiert. Die Motivation in den Sex zu gehen, ist in der Regel Lust zu erfahren, sich gegenseitig zu erregen und am Ende der Begegnung einen Orgasmus zu erleben. Daher kann man sagen, dass diese Art von sexuellem Miteinander eher fortpflanzungsorientiert ist, da sich am Ende meist die Ejakulation des Mannes ereignet und somit auch eine potentielle Schwangerschaft die Folge sein kann.

Wir befinden uns in solchen Momenten, ohne es zu bemerken, in einem biologisch verankerten Paarungsprogramm, das ohne unser bewusstes Zutun mehr oder weniger automatisch abläuft. Zugleich ereignen sich besondere neurochemische Vorgänge in unserem Gehirn. Während des sexuellen Verkehrs produzieren die Körper beider Partner nämlich große Mengen des Hormons Dopamin. Dopamin wird auch als „Glückshormon“ bezeichnet und ist die Vorstufe von Noradrenalin und Adrenalin. Es ist einer der wichtigsten Neurotransmitter (Botenstoffe) im Zentralnervensystem und zuständig für Koordination, Motorik, Konzentration, Antrieb, Motivation, Appetitregulation und kognitive Leistungsbereitschaft. Im Verlauf einer sexuellen Begegnung, insbesondere durch intensive Stimulation, steigt die Ausschüttung von Dopamin stetig an. Unmittelbar nach dem Orgasmus fällt dieses Dopamin dann rapide ab und zieht dadurch oft eine tiefe Erschöpfung oder Müdigkeit nach sich. Manchmal empfinden wir nach solch einem Höhepunkt sogar ein tiefes Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein. Diesen Vorgang können wir als ein evolutionsbiologisches Erbe betrachten, da es im Kontext der Fortpflanzungsorientierung für unseren Organismus von großem Interesse ist, sich genetisch möglichst zahlreich zu vermehren. Am „effektivsten“ lässt sich dieses Ziel durch häufigen Sex, gerne auch mit wechselnden oder neuen Partnern erreichen, da es die Chancen unserer Gene erhöht, sich zu reproduzieren.

In diesem allmählich verlaufenden Prozess der Beziehungsentwicklung beginnen nach einer anfänglichen Hoch-Zeit der unstillbaren Lust und Leidenschaft zwischen den Partnern, dann oft die üblichen Probleme. Erste Anzeichen zeigen sich meist in Gestalt von latenter oder offener Reizbarkeit, Unausgeglichenheit, Erschöpfung, ein Gefühl des Getrennt-Seins voneinander und damit oft einhergehend ein Nachlassen der sexuellen Anziehung, oft auch eine gewisse Zerstreutheit und im Allgemeinen körperliche Spannungen.
Bei Männern kann dies im Extremfall bis zu Erektionsproblemen und bei Frauen zu sexuellem Desinteresse führen. Eine sexuelle Übersättigung schleicht sich ein. Neurochemische Fluktuationen nach dem Orgasmus sorgen nämlich dafür, dass wir unseres Partners überdrüssig werden können und uns neue Partner attraktiver erscheinen. Dies kann nach einem Liebesakt bis zu zwei Wochen andauern, bevor die Körper wieder bereit sind, sich zu „paaren“. Da wir diese Zustände und subtilen Spannungsgefühle meist als unangenehm empfinden, sind wir bestrebt, diese möglichst schnell zu beseitigen – angeblich am leichtesten durch einen erneuten sexuellen Kontakt. In unserer modernen Kultur stehen uns zusätzlich zum Sex zahlreiche andere Möglichkeiten und Ablenkungsstrategien zur Verfügung, die uns in eine scheinbar angenehm körperliche oder seelische Verfassung erheben können. Eine Art „Selbstmedikation“ durch ersatzweise Befriedigungen bietet sich nun den voneinander enttäuschten Partnern an.  Angefangen bei Dingen wie dem Konsumieren von Zucker, Alkohol, Zigaretten über verschiedene Aktivitäten wie dem Fernsehen, dem Computerspielen ( Internet/ Pornographie ), dem unangemessenen Einkaufen, dem bis zur Erschöpfung führenden Arbeiten oder dem regelmäßigen Konsumieren von Sex. Insbesondere der Sexualverkehr mit abschließendem Orgasmus verspricht uns nun erneut eine schnelle Form der Entspannung.
An dieser Stelle steigen wir allerdings häufig in eine Achterbahn unserer Neurobiologie ein, deren Wegstrecke durch Höhen und Tiefen hindurchführt, hervorgerufen durch das oben erwähnte Dopamin. Eine erneute Stimulation erhöht den sogenannten Dopaminspiegel erst einmal und gibt unserem Körper ein Gefühl des Wohlbefindens. Bei bestimmten Drogen oder Ereignissen erleben wir sogar einen Zustand des Rausches. Doch einem jeden Hoch folgt mit unausweichlicher Sicherheit ein ausgleichendes Tief, denn unser Körper ist ein äußerst intelligentes System, stets zuverlässig bestrebt, ein angemessenes Gleichgewicht zu erhalten. Nach geraumer Zeit kann solch eine Situation in den Bereich einer Sexsucht oder einer Sucht nach anderen Stimulanzien führen, auf der ständigen Suche nach körperlich-emotionalem Wohlbefinden. Hier liegt die körperliche Ursache vieler Süchte und Abhängigkeiten begründet, die allerdings nach unserem Verständnis einen ehrlichen Ausdruck vorhandener innerer Abhängigkeitsstrukturen darstellen.
Es entsteht ein Kreislauf, aus dem sich oft nur durch eine Entziehungskur die heilsame Lösung zurück in die Selbstbestimmung ergibt.

Wie können wir nun als Liebespaar diesen biologischen und zum Zwecke der Fortpflanzung durchaus sinnvollen Verläufen entgegenwirken, wenn wir eben keinen Nachwuchs zeugen möchten,  jedoch uns körperlich intim und nährend begegnen und verbinden wollen?

Hier kommt nun Slow Sex ins Spiel. Slow Sex ist eine Form der körperlichen Vereinigung, in der die Aufmerksamkeit auf dem Austausch von bewusster Berührung und einer entspannten gemeinsamen Zärtlichkeit liegt. Dazu zählt ein sanfter Sexualverkehr, abgewechselt mit Phasen der Stille und einer großen Portion gegenseitiger Zuneigungsbezeugungen. Im Slow Sex steht das Erreichen eines Orgasmus nicht mehr an erster Stelle – vielmehr ist es das Anliegen, einen sinnlich-sexuellen Raum zu erschaffen, in dem ein Mehr an Intimität und Nähe, sowie ein Vertiefen der partnerschaftlichen Bindung und Begegnung möglich wird.
Beide Partner lernen, die innere sexuelle Spannung nicht über ein bewusst lenkbares Maß hinaus in eine heiße Zone zu führen, sondern gemeinsam über einen längeren Zeitraum wie auf einer Welle des sinnlichen Wohlbefindens zu „reiten“ und in einem mehr kühleren Bereich zu verweilen, ohne dem Ziel, am Ende einen Orgasmus herbeiführen zu müssen. Allerdings geht es hierbei nicht um die Unterdrückung dieses natürlichen Vorganges, sondern vielmehr um das Erfahren einer körperlichen Vereinigung, fernab von Zielorientiertheit und Leistungsdruck.

Slow Sex bietet in diesem Kontext den Partnern eine Alternative, da diese Art des achtsamen körperlichen Miteinanders durch bewusstes Aussenden von Bindungssignalen ( wie z.B. Zuwendung, Augenkontakt, Streicheln um den Anderen zu entspannen ) dem manchmal sehr überwältigenden Dopamin eine zusätzliche neurochemische Substanz hinzufügt: das Oxytocin. Es wirkt im Organismus auf natürliche Weise gegen Stress, Depression und defensives Verhalten und erzeugt angenehme Gefühle des Verbundenseins, Gefühle von Nähe und Vertrautheit. Oxytocin beruhigt außerdem starkes Verlangen und ist nach neuesten Forschungsergebnissen auch der Grund dafür, warum vertraute und insbesondere harmonische Beziehungen mit einem längeren Leben, schnellerer Heilung, einer niedrigeren Krankheitsrate und weniger Abhängigkeiten in Verbindung gebracht werden.
Auch ergibt sich in dieser Weise des Zusammenkommens kaum das Bestreben, seine Ruhe haben zu wollen, um nach `vollbrachter Leistung´ in den Schlaf zu gleiten. Wir sprechen hier von einer bindungsbasierten Liebespraxis, die unser angeborenes Bedürfnis nach Bindung und sozialem Kontakt sehr befriedigend erfüllen kann. Das Experimentieren mit bindungsorientierten Ansätzen im alltäglichen Miteinander kann daher sehr unterstützend darin sein, ein Mehr an Intimität und Nähe zwischen den Partnern zu ermöglichen. Allerdings sei ebenso gesagt, dass Räume des echten Austausches und der ehrlichen Begegnung zwischen den Partnern nur möglich sind, wenn die Beziehung zum eigenen Inneren, den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen gegeben ist. Auch braucht es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem persönlichen Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung und unserem Bedürfnis nach Verbindung und Intimität zu unserem Liebespartner. Das Erforschen einer Liebespraxis wie dem Slow Sex kann einen völlig neuen Beziehungsraum eröffnen, in dem wir Fülle statt Bedürftigkeit erleben. Die Partnerschaft wird auf eine neue Ebene gehoben, in der wir friedlicher, entspannter und liebevoller mit unserem Partner und mit uns selbst umgehen können. Dies wirkt sich auf unser gesamtes Leben aus und bereichert unseren Alltag auf erfüllende Weise. Auch wenn Orgasmusfixierung in der Sexualität ein tief verwurzeltes Programm in uns ist, kann es ein sehr lohnenswertes Unterfangen sein, sich auf den Forschungsweg einer neuen Liebespraxis zu begeben, um neue Wege der Liebe einzuschlagen! Im sexuellen Kontext kann das Erforschen solch einer Liebespraxis uns dahingehend unterstützen, eine Sexualität mit unserem Partner zu erleben, in der wir die Freiheit einer Wahl an die Hand bekommen – einer Wahl zwischen einem langfristig im Ergebnis trennenden sexuellen Beisammensein oder einer Zweisamkeit, die uns sowohl in unserem Bedürfnis nach Verbindung als auch in unserem Bedürfnis nach echter Nähe und Intimität immer wieder neu bestärken und nähren kann.

paarweise