Tantra oder die Kunst bewusst zu lieben
Das hat für mich auf den Punkt gebracht, warum es mir immer schwerer fällt, den Begriff Tantra in den Mund zu nehmen. Und doch gibt es meiner Ansicht nach keinen anderen Weg, als das alte tantrische Wissen wieder in unsere Partnerschaft zu integrieren, um die tiefe Wunde zwischen Mann und Frau zu heilen. Die tantrische Lehre ist die einzig mir bekannte spirituelle Richtung, die den Körper mit seinen Sinnen als Tor zu einer spirituellen Verwirklichung benutzt. Die sexuelle Energie wird als lebensspendende Kraft verstanden, durch die wir auf die Welt gekommen sind. Sex an sich ist eine völlig unschuldige Energie. Durch unsere christliche Vergangenheit haben wir eine Spaltung zwischen Herz und Sex vollzogen, die in jedem von uns Schuld- und Schamgefühle hinterlassen hat. Missbrauch, Vergewaltigung, Prostitution und Pornographie sind der krankhafte Ausdruck dieser Spaltung. Alles in den Schatten verdrängte wird hässlich.
In abgeschwächter Form trägt Jeder von uns diese Trennung der Sexualität von der Liebe in sich. Wir benutzen Phantasien und sind durch unsere Orgasmusfixierung eher in der Zukunft, als bei unserem Partner. Wir benutzen auf sehr subtile Weise unseren Partner für unseren Lustgewinn und brauchen immer stärkere Reize, um unser sexuelles Interesse aufrecht zu erhalten. Wir spüren, dass uns diese Art von Sex eher trennt, als verbindet. Die Spaltung von Sex und Herz macht es in der heutigen Zeit für Mann und Frau sehr schwer, wirklich zueinander zu finden und einen heilsamen, körperlichen Kontakt miteinander zu leben, obwohl die Sehnsucht danach auf beiden Seiten groß ist. Es führt dazu, dass in vielen langjährigen Partnerschaften trotz Liebe die sexuelle Anziehung verloren geht. Weder die sexuelle Revolution, noch die Emanzipation der Frau hat die tiefen Wunden in unserer Sexualität heilen können. Sexualität ist eine Sache des Verstandes geworden; wir wissen nicht mehr um die Weisheit des Körpers und die eigentliche Schönheit der Verbindung des Männlichen mit dem Weiblichen.
Der Mann ist im tantrischen Sinne ein Himmelswesen, sein authentischer Ausdruck ist Präsenz. Die Frau ist ein Erdenwesen, ihre wahre Natur ist pure Liebe. Wenn der Mann lernt, präsent in der Frau zu sein, kann er damit ihre Liebe wieder zum Leben erwecken. Welch wunderschöne Alchemie.
Tantra ist die Verwandlung von sexueller Energie in Liebe durch Präsenz. Es bedarf hierfür kein Erlernen komplizierter Techniken – alles was es braucht, ist die Bereitschaft, in diesen so unbewussten Teil Bewusstheit zu bringen – bedingungslos ehrlich unsere sexuellen Konditionierungen anzuschauen. Wir befinden uns jetzt in der sogenannten Zeitenwende, gehen vom rationalen in das integrale Zeitalter, in der die weiblichen mit den männlichen Energien in eine Balance kommen. Wir dürfen in unser körperliches Zusammensein auch weibliche Qualitäten einladen: Entspannung statt Anspannung, Fühlen statt Denken, Körper statt Verstand, miteinander Fließen statt Zielorientiertheit, Langsamkeit statt Aktivität. Dadurch wird Präsenz erst möglich und es kann zu einem heilsamen Ausbalancieren der männlichen und weiblichen Energien kommen – sozusagen der Quantensprung in das neue Zeitalter auf partnerschaftlicher Ebene.
Auch wenn der Begriff Tantra in der heutigen Zeit leider häufig fehlinterpretiert oder für eigene Zwecke missbraucht wird, so lohnt es sich doch, genauer hinzuschauen und vielleicht eigene Meinungen und Bilder zu revidieren. Wir brauchen dringend eine neue Paarkultur für eine friedvollere, liebevollere Welt – im Tantra finden wir den Wegweiser!
Zeitschrift Intuition 2008
